Die Logopädin Sophie Gruber erklärt, warum der Kita-Alltag eine gute Sprachschule ist – und wie Fachkräfte diesen optimal nutzen können. Ein Gespräch von Reimen bis Rollenspielen.
Sprache ist mehr als Worte aneinanderzureihen – sie ist DER Schlüssel zur Umwelt. Jedes Kind entwickelt sie auf eigene Weise. In Kitas gestalten Erzieher:innen und Sozialassistent:innen Sprachförderung als selbstverständlichen Teil des Alltags. Doch welche Methoden unterstützen diesen Prozess am besten? Sophie Gruber gibt Einblicke, wie Sprachfähigkeiten spielerisch gestärkt werden können.
Und so überrascht es nicht, dass der Beginn dieses Interviews ein Reim ist: „Sprache beginnt im Spiel und Klang, wächst mit Reim und Wortgesang – denn Sprache muss erlebbar sein“, sagt Sophie Gruber. Das funktioniert am besten über Lieder, Reime und Spiele, die Kinder intuitiv mitreißen. Besonders effektiv sei das Silbenklatschen: „Es hilft Kindern, das Sprachsystem zu begreifen, indem sie Laute bewusst wahrnehmen.“ Auch das Reimen bringe große Vorteile: Wenn ein Kind merkt, dass „Haus“ und „Maus“ ähnlich klingen, entwickelt es ein Gespür für sprachliche Strukturen – eine wichtige Grundlage für späteres Lesen und Schreiben. Bilderbücher bieten eine weitere Möglichkeit, den Wortschatz zu erweitern. Doch es reicht nicht, sie nur vorzulesen. „Fragen wie ‚Was glaubst du, wie es weitergeht?‘ oder ‚Was hat die Figur gerade erlebt?‘ laden Kinder dazu ein, eigene Gedanken zu formulieren und sich auszudrücken“, erklärt Gruber.
Sprachliche Entwicklung unterstützen – ohne Druck
Gezielte Sprachspiele sind wertvoll, doch noch entscheidender ist die tägliche Kommunikation. „Im Kita-Alltag werden oft verkürzte Anweisungen genutzt, wie ‚Komm!‘ oder ‚Mach auf!‘. Dabei wäre es hilfreicher zu sagen: ‚Es ist Jausenzeit, du setzt dich an deinen Platz und holst deine Box heraus.‘ So erhalten Kinder sprachliche Strukturen, die sie intuitiv übernehmen“, betont Gruber.
Die Art der Kommunikation spielt dabei eine ebenso große Rolle. Blickkontakt, ein auf Augenhöhe geführtes Gespräch und aktives Zuhören sind essenziell. „Wenn ein Kind voller Begeisterung vom Wochenende erzählt, aber die Erzieherin parallel in Unterlagen blättert, sendet das ein Signal: Deine Worte sind nicht so wichtig“, sagt Gruber. Wer sich stattdessen bewusst dem Kind zuwendet, signalisiert Interesse – und stärkt damit seine Sprechfreude.
Jedes Kind hat sein eigenes Tempo in der Sprachentwicklung. Wie können Erzieher:innen unterstützend wirken, wenn Aussprache oder Satzbildung noch nicht sicher sind? „Wichtig ist, ohne Druck zu arbeiten“, sagt Gruber. „Wenn ein Kind sagt: ‚Will Flase‘, kann einfach darauf geantwortet werden: ‚Ah, du hast Durst! Hier ist deine Flasche.‘ So werden korrekte Strukturen hörbar gemacht, ohne direkt zu korrigieren.“
Für Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, ist diese Herangehensweise besonders wertvoll. „Das Ziel ist, Freude an Sprache zu wecken. Bücher, die den Alltag thematisieren, helfen dabei, neue Wörter und Satzstrukturen zu entdecken.“
Wann ist professionelle Unterstützung sinnvoll?
Woran erkennen Erzieher:innen, ob gezielte logopädische Unterstützung notwendig ist? „Wenn Kinder kaum in Interaktion treten, wenn sie kaum sprechen oder sprachlich stark von Gleichaltrigen abweichen, sollte eine logopädische Fachkraft hinzugezogen werden“, empfiehlt Gruber. Sie rät dazu, frühzeitig Unterstützung zu suchen: „Sprachförderung ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Der Austausch zwischen Fachkräften und Eltern ist essenziell.“
„Sprache ist nicht nur ein Mittel zur Verständigung – sie öffnet Türen“, sagt Sophie Gruber. Wer mit Kindern arbeitet, sollte sich dessen bewusst sein. „Denn je spielerischer wir sie an Sprache heranführen, desto sicherer werden sie sie später nutzen.“
Die besten Tipps für den KITA-Alltag:
✔ Bilderbücher aktiv nutzen – Fragen stellen und über die Geschichte sprechen.
✔ Reime und Lieder einbauen – für spielerisches Sprachtraining mit Spaßfaktor.
✔ Silbenklatschen – phonologisches Bewusstsein schulen.
✔ Klare, vollständige Sätze nutzen – Vorbild für korrektes Sprechen sein.
✔ Blickkontakt und aktive Kommunikation – dem Kind sprachliche Sicherheit geben.
✔ Fehler nicht direkt korrigieren – besser richtiggestellt wiederholen.
Seit ihrer Kindheit ist Sprache für Sophie Gruber mehr als nur ein Kommunikationsmittel – sie ist eine Leidenschaft. Schon früh entdeckte sie ihre Faszination für Reime, kreative Erzählungen und die Kraft der Worte. Diese Begeisterung führte sie zur Logopädie, wo sie sich intensiv mit Sprachentwicklung und deren Förderung beschäftigt. Neben ihrer therapeutischen Arbeit veröffentlichte sie gemeinsam mit ihrer Schwester ein Kinderbuch, das spielerisch zur logopädischen Förderung des „Sch“-Lautes beiträgt. Wenn sie nicht arbeitet, genießt sie ihre Zeit in der Natur.