Wie eine junge Frau die Shoah in Berlin überlebt hat

Eine besondere Veranstaltung zum 100. Geburtstag von Marie Jalowicz Simon

Es waren nur sehr wenige Menschen jüdischen Glaubens, die dem Holocaust – versteckt, durch falsche Papiere getarnt, mit großem Geschick und gegen alle Wahrscheinlichkeit – entgangen sind. Marie Simon, geborene Jalowicz (4. April 1922 - 16. September 1998) ist dies gelungen. Ihr Überleben im Land der Täter stand im Mittelpunkt einer bewegenden Zusammenkunft im Lesesaal unseres Schulzentrums am 14. 3. 2022. Ihr Sohn, Dr. phil. Dr. h.c. Hermann Simon, der Herausgeber Ihrer Erinnerungen, als 2014 als Buch erschienen sind, brachte seinen Zuhörer:innen ihre Persönlichkeit und ihr Über-Leben näher.[1]

Hermann Simon ist Historiker und war Gründungsdirektor der „Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“ in der Oranienburger Straße. Er leitete das Centrum Judaicum 28 Jahre (1988 – 2015) in zwei deutschen Staaten. Simon wurde für seine Verdienste vom Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin zum Ehrendoktor ernannt. Er engagierte sich intensiv auch auf dem Feld des interreligiösen Dialogs. 2015 wurde ihm der Verdienstorden des Landes Berlin für seine Verdienste verliehen.

Vorbereitet hatten die Veranstaltung Studierende des ersten Ausbildungsjahres der Fachschule für Sozialpädagogik gemeinsam mit dem Historiker und Lehrer Dr. Bernward Dörner. Jessica Peukert übernahm die Moderation.

In seinem Vortrag stellte Herrmann Simon seine Mutter vor und ließ sie dabei in eindrucksvollen O-Tönen zur Geschichte ihres Überlebens zu Wort kommen. Er zeigte zeitgenössische Fotografien von ihr als junger Frau, eine Ablichtung ihres gefälschten Ausweises, schließlich auch seine Mutter im Sessel diktierend kurz vor ihrem Tode. Ihre Erinnerungen, die Sie frei redend und ungeschminkt vortrug, umfassen 77 Tonbänder. Simon ließ diese transkribieren und fügte den Text mit der Journalistin Irene Stratenwerth zu einem Buch zusammen, das auf große Resonanz stieß und in vierzehn Sprachen übersetzt wurde. In umfangreichen Recherchen hatte er zuvor alle Angaben zu den erinnerten Personen und Orten geprüft, dabei wurde ihm bestätigt, dass seine Mutter über ein phantastisches Gedächtnis verfügte und um größte Präzision bemüht war.

Der Wahrheit unbedingt und schonungslos verpflichtet scheute Marie Jalowicz Simon auch nicht davor zurück, die ambivalenten Gefühle zu beschreiben, die die Abhängigkeit von ihren Helferinnen und Helfern auslösten. Sie verschwieg auch nicht, was insbesondere männliche Unterstützer von ihr, einer jungen hübschen Frau ohne Geld, als Gegenleistung für angebotene Hilfe erwarteten. Es sind keine Heldengeschichten, die sie erzählt. 

In einem zweiten Abschnitt der Zusammenkunft brachten Hermann Simon und Studierende von ihnen ausgewählte Passagen aus Marie Simons Erinnerungen zu Gehör. Die Lesungen zeigten höchst prägnant, mit welch ungeheurem Geschick und großer sozialer Intelligenz die junge Frau ihr Leben retten konnte. Dass ihr Überleben in hohem Maße einer „Kette von Zufällen“ zu verdanken war, stand für Marie Jalowicz Simon rückblickend fest. Metaphysische Überhöhungen und spekulative Ex-Post-Deutungen ihres Überlebens empfand die Philosophin als unangebracht, ja blasphemisch.

Im dritten Teil der Veranstaltung richteten die Studierenden Fragen an Hermann Simon. Dabei ging es u.a. um die Persönlichkeit seiner Mutter, den historischen Kontext ihres Überlebens, die Ambivalenz ihrer Helfer und Helferinnen, ihr Leben als Professorin an der Ostberliner Humboldt-Universität nach der Befreiung vom NS-Regime, ihre politischen und pädagogischen Überzeugungen. Simon wich keiner Frage aus und beleuchtete aus verschiedenen Perspektiven die wesentlichen Eigenschaften seiner Mutter.

Die besondere Qualität der Begegnung mit Hermann Simon lag nicht zuletzt darin, dass er den Anwesenden ein anschauliches und bewegendes Bild einer Überlebenden der Shoah übermittelt hat, das alle zum Nachdenken darüber, was Menschen ausmacht, angeregt hat. So bemerkte eine Studierende in der Aussprache, dass die Auseinandersetzung mit dem Schicksal von Marie Jalowicz Simon ihr Verständnis der NS-Zeit in besonderem Maße vertieft habe. Diese Veranstaltung bleibt im Gedächtnis.

Am 4. April 2022 soll anlässlich des einhundertsten Geburtstages von Marie Jalowicz Simon in der Pankower Binzstraße 7b eine Gedenktafel enthüllt werden.

 


 
[1]Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940-1945., Frankfurt am Main 2014: S. Fischer