„Fenster zur Freiheit“: Geschichte die Mut macht!
Bürgerrechtler beeindrucken mit ihrer Geschichte und ihren Haltungen

„Untergrundzeitschrift“, „geheime Druckerei“, „verborgenes Netzwerk“: Das klingt spektakulär und spannend. Und das war es auch. Die Geschichte der radix-blätter, der größten Untergrundzeitschrift der DDR-Opposition ist einmalig. Über 130 Autoren schrieben über Demokratie, Menschenrechte, Religion, Umweltschutz, Kunst und Kultur und bildeten so ein intellektuelles Forum für die Bürgerrechtsbewegung in der DDR.

Unglaublich, dass die Stasi die Druckorte und die Vertriebswege nie aufklären konnte. Wie war das möglich? Die Antwort darauf gaben am 13. August in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula unseres Schulzentrums die Menschen, die von 1986 bis 1989 die gefährliche Arbeit geleistet hatten. Stephan Bickhardt, damals evangelischer Theologiestudent bzw. Vikar, der Initiator und Herausgeber der radix-blätter, die er zusammen mit Ludwig Mehlhorn gegründet hatte, erklärte es so: Zwischen den einzelnen „Abteilungen“ gab es keine Kontakte: Die Autoren wussten nichts über die Druckorte, die Drucker nichts über die Vertriebswege, so war sichergestellt, dass bei Entdeckung nicht das ganze Netz gefährdet war.

Etwas später stieß Dirk Sauermann, ebenfalls evangelischer Theologiestudent, dazu und übernahm die gefährliche Arbeit der Druckerei, auf alten Abzugsgeräten, die vom Westen eingeschmuggelt worden waren. Für ihn war es ein „Befreiungsakt“, etwas gegen das Unrechtsregime in der DDR tun zu können. Für beide wichtig war die Unterstützung, die der katholische Priester Heinz-Josef Durstewitz leistete. Im Keller des Katharinenstifts befand sich eine geheime Druckerei der katholischen Kirche, für die Durstewitz im Rahmen seiner Tätigkeit bei der Berliner Bischofskonferenz zuständig war. Er konnte immer wieder mit dringend benötigtem Papier und einer Schneidemaschine helfen und gehörte auch zur Gruppe der Autoren und zur Bürgerrechtsbewegung.

Die spannende Geschichte der radix-blätter hat der renommierte Journalist Peter Wensierski in seinem Buch „Fenster zur Freiheit“ erzählt und die Bedeutung dieses Unternehmens für die Bürgerrechtsbewegung herausgearbeitet. So begann der Abend mit einer Lesung und Präsentation von Fotos und Videosequenzen durch den Autor selbst. In einem von Schulleiter Matthias Rösch moderierten Gespräch konnten dann die damaligen „Akteure“ ihre Motive und Haltungen erläutern: Für Stephan Bickhardt, heute Direktor der evangelischen Akademie Meißen, und für Dirk Sauermann, heute Propst des evangelischen Kirchenkreises Mecklenburg, war es der christliche Glaube, der sie zum aktiven Eintreten für Demokratie und Menschenrechte führte. In Heinz-Josef Durstewitz fanden sie einen katholischen Geistlichen, den die gleichen Ideale bewegten.



Unter den Zuhörern in der Aula waren auch viele Menschen, die auf verschiedene Weise mit den damaligen Geschehnissen verbunden sind, so die Mitarbeiter der geheimen Druckerei im „Katholikenkeller“, wie ihn Peter Wensierski in seinem Buch bezeichnet. Auch Frau Mehlhorn, die Witwe von Ludwig Mehlhorn war gekommen. Die zahlreichen Gäste, darunter der Bezirksbürgermeister von Pankow, Sören Benn, erlebten Persönlichkeiten, die auch heute keinerlei Heldenstatus für sich reklamieren, sondern eher bescheiden, aber in ihren Haltungen eindeutig auftreten: Für Demokratie, Freiheit, Toleranz und Dialog.

So war es auch konsequent, dass Stephan Bickhardt in seinem Schlusswort dagegen protestierte, dass in den gegenwärtigen Landtagswahlkämpfen das Erbe der Bürgerrechtsbewegung von rechtsgerichteten bzw. fremdenfeindlich agierenden Parteien für populistische Zwecke „geklaut“ wird.

Die Möglichkeit, den „Katholikenkeller“ und den auf dem Hof aufgestellten Bauwagen der „Brotfabrik“ mit einer Ausstellung zu den radix-blättern zu besichtigen und bei einem Imbiss miteinander ins Gespräch zu kommen, wurde dann noch ausgiebig genutzt. „Ein besonderer Abend“ an einem 13. August, so die Meinung vieler Gäste, ein Abend der Mut macht, weil Demokratie und Menschenrechte nie selbstverständlich sind, sondern Menschen brauchen, die sich dafür einsetzen.